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Forschungsergebnisse

Ein erster Einblick

Nach einer von der Krankenkasse DAK an die Leuphana Universität Lüneburg in Auftrag gegebenen Studie von 2011 leidet mehr als die Hälfte der Lehrer gesundheitlich stark unter Stress und emotionaler Beanspruchung. Viele planen deshalb, in den Vorruhestand zu gehen. Fast die Hälfte der Lehrer gab an, sie könne nach der Arbeit schlecht abschalten und müsse oft an Schwierigkeiten in der Schule denken. Jeder dritte sei emotional hoch beansprucht, fühle sich „wie ein Nervenbündel“ oder reagiere ungewollt gereizt.
Eine frühere Studie ergab: Etwa ein Drittel der deutschen Lehrer hat bereits starke Burn-out-Anzeichen, ein weiteres Drittel arbeitet mit hohem Gesundheitsrisiko und nur knapp ein Fünftel kann überhaupt als gesund bezeichnet werden (vgl. Schaarschmidt 2005).

Für Interessierte: einige empirische Ergebnisse aus der Lehrerbelastungsforschung

(In Anlehnung an Benjamin Henning)

Frühpensionierung und Dienstunfähigkeit

Laut amtsärztlichen Statistiken und regionalen Erhebungen erreichten in den letzten 10 Jahren pro Jahrgang weniger als 10% der Lehrerinnen und Lehrer das Rentenalter von 65 Jahren. Über die Hälfte der Lehrer/innen scheiden wegen amtsärztlich diagnostizierter Dienstunfähigkeit durchschnittlich 10 Jahre zu früh aus dem Beruf aus. Die übrigen vorzeitig ausscheidenden Lehrerkräfte entscheiden sich für eine Frühverrentung mit 62 oder 63 Jahren. Die Begründungen der Dienstunfähigkeit sind in erster Linie psychische und psychosomatische Erkrankungen sowie Erschöpfungszustände ohne manifeste organische Ursache (40-65%: depressive Störungen, Erschöpfungssyndrom / „Burnout“, Belastungs- und Anpassungsstörungen, somatoforme Störungen, anhaltende affektive Störungen, Störungen durch Alkohol, Angst-/Panikstörung), gefolgt von Erkrankungen des Bewegungsapparates (15-20%) und des Herz-Kreislaufsystems (7-15%) (Weber, Weltle & Lederer, 2003)

Berufliche Beanspruchung und Gesundheit

Guglielmi und Tatrow (1998) fassen in einem umfangreichen Literatur-Review 40 Studien zusammen, in denen wissenschaftlich überprüft wurde, inwieweit berufliche Beanspruchung im Zusammenhang mit der Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern steht. Hoher Stress im Lehrerberuf hängt direkt zusammen mit ungünstigen Werten auf verschiedenen Gesundheitsfragebögen, psychischen Problemen, psychopathologischen Erkrankungen, kardiovaskulären Erkrankungen und einer Vielzahl von anderen medizinischen Problemen.

Ausmaß von Stress, Burnout und innerer Kündigung im Lehrerberuf

Laut Kyriacou (2001) gehört der Beruf des Lehrers zu den „high-stress professions“. Ein Viertel der amerikanischen Lehrer/innen betrachten ihren Beruf als sehr oder extrem stressend. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Befragungen aus dem deutschsprachigen Raum.
Burnout ist ein immer noch unscharf definiertes Syndrom, das sich vor allem durch die Symptome (1) körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung, (2) reduzierte Leistungsfähigkeit und (3) unwilliges bis zynisches Verhalten gegenüber Schülern und weiteren Klienten (Depersonalisierung) auszeichnet (Rudow, 2000). Angaben über die Verbreitung von Burnout unter Lehrerinnen und Lehrern schwanken zwischen 15 und 30% (Barth, 1992; Kramis-Aebischer, 1995; Schaarschmidt & Fischer, 2001).
Innere Kündigung führt zu einer Verweigerung derjenigen Leistungen, die nicht ausdrücklich formal-vertraglich festgelegt sind. Der eigene Anspruch an Einsatzbereitschaft, Eigeninitiative und Engagement wird auf ein Minimum reduziert („Dienst nach Vorschrift“). In Befragungen von Schmitz und Kollegen haben 7-16% der befragten Lehrer angegeben, sich aktuell im Zustand der inneren Kündigung zu befinden (Schmitz, Jehle & Gayler, 2004).

Arbeitsbedingungen und äußere Ressourcen

Lehrerinnen und Lehrer sind mit einer Vielzahl unterschiedlicher Anforderungen und Belastungen konfrontiert. Rudow (1994, 2002) hat Faktoren exemplarisch zusammengestellt, die im positiven und negativen Sinne belastungsrelevant sein können.

Arbeitsaufgaben/
schulorganisatorische Bedingungen
Schulhygienische
Bedingungen
Soziale Bedingungen Gesellschaftlich-kulturelle Bedingungen
- Arbeitsaufgaben
- Arbeitszeit, Pausen
- Unterrichtsfach
- Lehrplan
- Klassenfrequenz
- Klassenrekrutierung
- Stunden- / Raumplan
- Schultyp / -größe
- Lehrerfunktionen
- Unterrichtsmethode
- Lehr- / Lernmittel
- Prüfungen
- Weiterbildung
- Physische Belastung
- Sprechbelastung
- Lärm
- Mikroklima
- Luftbeschaffenheit
- Beleuchtung
- Klassenraum
- Bildschirmarbeit
- Unterrichtsfach -spezifische Faktoren
- Pausen- / Entspannungsraum
- Schulgebäude
- Schulausstattung
- Sanitärräume
- Schulstandort
- Infektionsgefahr
- Schüler
- Kollegen
- Schulleitung
- Eltern / -beirat
- Schulbehörden
- Betriebe
- Sozialarbeiter/ -pädagogen
- Externe Fachkräfte
- Schulsekretärin
- Hausmeister
- Schulkultur / -klima
- Schulimage
- Medien
- Berufsstatus
- Berufsimage
- Gehalt
- Schulreformen/ -innovationen
- Gesellschaftliche Erwartungen

Die höchste Belastung wird im Umgang mit schwierigen Schülern gesehen (Kyriacou, 2001; Travers & Cooper, 1993; Schaarschmidt, Kieschke & Fischer, 1999; Ulich, Inversini & Wülser, 2002).

Krause und Kollegen haben mit ihrem Fragebogen zur Arbeitssituation an Schulen (FASS) die organisationale und soziale Belastungen und Ressourcen erfasst. Zwischen den Schulen gab es erhebliche Unterschiede in den abgefragten Variablen. Schülerbedingte Unterrichtsstörungen, der Zwang zur Gefühlskontrolle, fehlende Erholungspausen und Zeitdruck sowie fehlende gemeinsame pädagogische Vorstellungen hatten hier den engsten Zusammenhang zu emotionaler Erschöpfung der befragten Lehrkräfte (Kaempf & Krause, 2004).

Ansätze zur Intervention und Prävention

Benjamin Henning unterscheidet hinsichtlich gesundheitsförderlichen Maßnahmen zwischen Verhaltensmanagement und Verhältnismanagement.

Verhaltensmanagement – die Lehrkraft

Die gute Nachricht ist: An dem eigenen Stress bzw. an dem eigenen Stresserleben kann man etwas ändern … der erste Schritt liegt in den Händen der eigenen Person. So können der Aufbau und die Weiterentwicklung von sozialen, kommunikativen oder persönlichen Kompetenzen zu einer besseren Bewältigung der beruflichen Anforderungen beitragen. Stressmindernde Instrumente und mentale Prozesse unterstützen diese Kompetenzerweiterung.

Verhältnismanagement – das Kollegium

Betrachtet Verhältnismanagement den Arbeitskontext mit dem Ziel, die Arbeitsaufgaben, die Arbeitsbedingungen und die äußeren Ressourcen und Unterstützungssysteme zu verbessern, dann betreffen die meisten dazu notwendigen Maßnahmen das soziale Miteinander und die Zusammenarbeit im Kollegium.
Laut Stressforschung ist die soziale Unterstützung durch Kollegen und Personen im privaten Umfeld eine wesentliche Ressource zur Beanspruchungsreduktion. Die Wahrnehmung einer positiven, hilfsbereiten Atmosphäre, in der Probleme besprochen werden können und tatkräftige Unterstützung geleistet wird, hilft Stress abzubauen und die damit verbundenen gesundheitlichen Auswirkungen zu vermindern (van Dick et al., 1999; Kyriacou, 2001; Schaarschmidt et al., 1999). So schaffen Online-Angebote zur kollegialen Beratung (z. B. www.lehrerforum–nrw.de), Coaching-(Supervisions-)Gruppen (wie im Freiburger Projekt) oder kollegiale Fallbesprechungsgruppen mit und ohne Supervisor/in Räume, die gegenüber Fortbildungen ein spezifischeres Eingehen auf die individuellen Lernbedürfnisse der Kolleg/innen ermöglichen. So zählte im Freiburger Projekt zu den häufigsten thematisierten Themen: 1. Fragen der Beziehungsgestaltung mit Schülern (100%), 2. Probleme bei der kollegialen Zusammenarbeit (75%) und 3. strukturelle Rahmenbedingungen (58%).
Werden solche Fallbesprechungsgruppen nicht professionell durch einen Coach oder eine Supervisorin begleitet, gelten als zwingende Voraussetzungen zu deren Gelingen zum einen ein wertschätzender Umgang und zum anderen ein regelgeleitetes Vorgehen innerhalb der Fallbesprechungsgruppe. Dieses sind Voraussetzungen, die parallel zur Implementierung kollegialer Fallberatung sichergestellt werden sollten.

Literatur:

Barth, A.-R. (1992). Burnout bei Lehrern. Göttingen: Hogrefe.
Dick, R. v., Wagner, U. & Petzel, T. (1999). Arbeitsbelastung und gesundheitliche Beschwerden von Lehrerinnen und Lehrern: Einflüsse von Kontrollüberzeugungen, Mobbing und Sozialer Unterstützung. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 46, 269-280.
Guglielmi, R. S.; Tatrow, K. (1998): Occupational Stress, Burnout and Health in Teachers. A Methodological and Theoretical Analysis. In: Review of Educational Research 68 (1), pp. 61-99.
Kaempf, S. & Krause, A. (2004). Gefährdungsbeurteilung zur Analyse psychischer Belastungen am Arbeitsplatz Schule. In Bungard, W.; Koop, B. & Liebig, C. (Hrsg.), Psychologie und Wirtschaft leben. Aktuelle Themen der Wirtschaftspsychologie in Forschung und Praxis. (S. 281-286). München: Hampp.
Kramis-Aebischer., K. (1995). Stress, Belastung und Belastungsverarbeitung im Lehrberuf. Bern: Haupt.
Krause, A. (2003a). Bedingungsbezogene Analyse psychischer Belastungen von Lehrerinnen und Lehrern – Zur Validität eines neuen Untersuchungskonzepts. Wirtschaftspsychologie, 5, 132-134.
Krause, A. (2003b). Lehrerbelastungsforschung – Erweiterung durch ein handlungspsychologisches Belastungskonzept. Zeitschrift für Pädagogik, 49, 254-273.
Krause, A. (2004). Arbeitsanalyse und Organisationsdiagnose in Schulen: Analyse psychischer Belastungen und Ressourcen von Lehrerinnen und Lehrern als Grundlage für Schulent-wicklungsprozesse. In Böttcher, W. & Terhart, E. (Hrsg.), Organisationstheorie in päda-gogischen Feldern – Analyse und Gestaltung. (S. 123-141). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Kyriacou, C. (2001). Teacher stress: directions for furture research. Educational Review, 53, 27-35.
Rudow, B. (1994). Die Arbeit des Lehrers: Zur Psychologie der Lehrertätigkeit, Lehrerbelastung und Lehrergesundheit. Göttingen: Huber.
Rudow, B. (2000). Der Arbeits- und Gesundheitsschutz im Lehrerberuf: Gefährdungsbeurteilung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern. Heddesheim / Baden: Süddeutscher Pädagogischer Verlag.
Rudow, B. (2002). Das Arbeitsschutzgesetz gilt auch für Lehrkräfte! Verhältnisprävention im Schulbereich. Pädagogik, 54, 36-41.
Schaarschmidt, U. (Hrsg.) (2005). Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf – Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
Schaarschmidt, U. & Fischer, A. W. (2001). Bewältigungsmuster im Beruf: Persönlichkeitsunterschiede in der Auseinandersetzung mit der Arbeitsbelastung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schaarschmidt, U., Kieschke, U. & Fischer, A. W. (1999). Beanspruchungsmuster im Lehrerberuf. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 46, 244-268.
Schaarschmidt, U., Kieschke, U. (Hrsg.) (2007). Gerüstet für den Schulalltag: Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.
Schmitz, E., Jehle, P. & Gayler, B. (2004). Innere Kündigung im Lehrerberuf. In Hillert, A. & Schmitz, E. (Hrsg.), Psychosomatische Erkrankungen bei Lehrerinnen und Lehrern. (S. 69-81). Stuttgart: Schattauer.
Travers, C. J. & Cooper, C. L. (1993). Mental health, job satisfaction and occupational stress among UK teachers. Work and Stress, 7, 203-219.
Ulber, D. (1998). Survey-Feedback-Instrument zu Organisationsdiagnose an Schulen (ODAS). Berlin: Freie Universität, Institut für Allgemeine Pädagogik.
Ulich, E., Inversini, S. & Wülser, M. (2002). Arbeitsbedingungen, Belastungen und Ressourcen der Lehrkräfte des Kantons Basel-Stadt. Zürich: Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung.
Weber, A., Weltle, D. & Lederer, P. (2003). “Frühpension statt Prävention?“ – Zur Problematik Frühinvalidität im Schuldienst. Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin, 38, 3-11.



Dr. Tanja Kranz
Dipl.-Päd.


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